Die Mischna

 

Die Mischna (hebräisch: משנה Wiederholung) ist die wichtigste Sammlung religionsgesetzlicher Überlieferungen des rabbinischen Judentums. Sie bildet die Basis des Talmuds.

 

Entstehungsgeschichte

 

Nach orthodoxer jüdischer Auffassung hat Gott die Tora (תורה) dem Mosche am Berg Sinai in zweifacher Form geoffenbart: Zum einen als „schriftliche Tora“ (Tora sche-bi-chtav), also in Form der fünf Bücher Moses, die den Anfang auch der christlichen Bibel bilden; zum anderen als „mündliche Tora“ (Tora sche-be'al-pe), die sich mit der Auslegung der schriftlichen Tora befasst. Die mündliche Tora wurde in der Folgezeit von einer jüdischen Gelehrten-Generation zur nächsten mündlich tradiert.

 

Zur Zeit der Besetzung Judäas durch römische Truppen, insbesondere nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahre 70 n. Chr., erkannten die Rabbiner die Gefahr einer Zerstreuung der Juden in die Diaspora. Dementsprechend sah man die Notwendigkeit, auch diese Überlieferung schriftlich zu kodifizieren. Beteiligt waren mehrere Generationen (Zuordnung manchmal schwankend) von Rabbinern (d. h. hier: Tannaiten), so etwa

 

  • 1. Generation: u.a. Rabbi Jochanan ben Sakkai (um 40–80)
  • 2. Generation: u.a. Rabbi Gamaliel von Javne, Rabbi Eliezer und Rabbi Joschua (um 90-130)
  • 3. Generation: u.a. Rabbi Akiba (um 50–135)
  • 4. Generation: u.a. Rabbi Meir, Rabbi Jehuda, Schimon ben Jochai
  • 5. Generation: u.a. Rabbi Jehuda ha-Nasi (165–217)
  • 6. Generation (Zwischenschicht zwischen Mischna und Gemara): u.a. Rabbi Schimon ben Jehuda ha-Nasi und Jehoschua ben Levi

Herausragende Bedeutung kommt dabei dem angesehenen Tora-Gelehrten Jehuda ha-Nasi zu, der aufgrund seiner einzigartigen Autorität meist nur „Rabbi“ genannt wurde.

 

Da während des Redaktionsprozesses bisweilen neue Erkenntnisse über die Tora-Überlieferung auftauchten, eine Revision bereits in Umlauf befindlicher Mischna-Ausgaben aber nicht opportun erschien, kursierten zeitweise zwei Versionen des Werks, eine „Mischna Rischona“ (Ältere Fassung) und eine „Mischna Acharona“ (Jüngere Fassung). Eine verbindliche Ausgabe lag schließlich um das Jahr 220 vor.

 

Aufbau

 

Die Mischna ist in 6 „Ordnungen“ (Sdarim, סדרים) eingeteilt, diese wiederum in 7 bis 12 Traktate (Massechtot, מסכתות). Die insgesamt 63 Traktate wiederum bestehen aus Abschnitten (Perakim) und letztlich aus einzelnen Mischnajot. Am Anfang der Mischna steht außerhalb der Ordnungen der formal der Ordnung Sera'im zugeordnete Traktat Brachot mit Segenssprüchen, Gebeten und der Gottesdienstordnung.

 

Die Titel der Ordnungen lauten:

 

  • Sera'im (זרעים, „Aussaat“): 11 Traktate, landwirtschaftliche Abgaben an Priester, sozial Bedürftige, Fremde.
  • Mo'ed (מועד, „Festzeiten“): 12 Traktate, Fest- und Fasttage.
  • Naschim (נשים, „Frauen“): 7 Traktate, Familienrecht.
  • Nesikin (נזיקין, „Schäden“): 10 Traktate, Straf- und Zivil-, insbesondere Schadensersatzrecht, und zusätzlich der ethische Traktat Avot
  • Kodaschim (קדשים, „Heilige Dinge“): 11 Traktate, Opferriten, Speisevorschriften u.a.
  • Tohorot (טהרות, „Reinheiten“): 12 Traktate, Reinheit/Unreinheit von Personen, Sachen und Orten.

Charakter

 

Die Mischna enthält vorwiegend Bestimmungen zum jüdischen Religionsgesetz, der Halacha (הלכה). Es finden sich nur wenige erzählerische oder erbauliche Betrachtungen (Aggada, אגדה) meist am Ende eines Traktates.

 

Gleichwohl ist die Mischna kein Gesetzeskodex im modernen Sinne. Vielmehr ist sie eine Synthese der damals vorherrschenden Meinungen unter den Gelehrten in der Akademie und am Gerichtshof in ihrer gesamten Breite und auch Widersprüchlichkeit. So ist eine der sechs Ordnungen vollständig dem Tempeldienst gewidmet, obwohl der Tempel in Jerusalem zum Zeitpunkt des Entstehens der Mischna bereits über ein Jahrhundert in Trümmern lag. Zahlreiche Diskussionen enden scheinbar offen, wobei die rabbinische Literatur bestimmte Auslegungsregeln kennt, nach welcher Autorität im Zweifelsfalle zu entscheiden ist.

 

Bemerkenswert an der Mischna ist ferner die mangelnde Begründung der darin zusammengeführten Gesetze aus den heiligen Schriften des Judentums. Nach der jüdischen Tradition wurde das mündliche Gesetz gleichzeitig mit dem geschriebenen Gesetz überliefert, es wird also nicht direkt davon abgeleitet. Die Herstellung einer Verbindung zwischen den Gesetzen der Mischna und der Tora war in den folgenden Jahrhunderten ein wesentliches Betätigungsfeld von Talmud und Midrasch.

 

Die rabbinischen Weisen in diesem Text nennt man Tannaim, abgeleitet von der aramäischen Wortwurzel tn' (תנה), seinerseits eine Variante der hebräischen Wurzel šn' (שנה). Die Wurzel trägt die Bedeutung „wiederholen (was einem beigebracht wurde)“ und wird im Sinne von „lernen“ benutzt.

 

Vortrag und Aussprache

 

Die Mischna wird traditionell durch lauten Vortrag studiert. Zahlreiche mittelalterliche Mischna-Ausgaben wurden zu diesem Zwecke vokalisiert und teilweise mit Tiberischer Kantillation versehen. Vielfach haben sich in den jüdischen Gemeinden auf der ganzen Welt lokale Melodien und unterschiedliche Aussprachenormen für den Mischnavortrag erhalten.

 

Die meisten vokalisierten Ausgaben der Mischna orientieren sich heute an der Aschkenasischen Standard-Vokalisierung und enthalten häufig Fehler. Die sog. Albeck-Ausgabe von Chanoch Albeck wurde von Hanoch Yalon vokalisiert, der eine sorgfältige Synthese zwischen den mittelalterlichen Manuskripten und lokalen Aussprachetraditionen der Moderne vornahm. Die Albeck-Ausgabe enthält auch einen ganzen Band über Yalons Methodologie.

 

Die Hebräische Universität in Jerusalem unterhält umfangreiche Archive mit Aufnahmen jüdischer Mischna-Gesänge auf der Grundlage verschiedener Melodien und Ausspracheweisen.

 

Textüberlieferung

 

Eine vollständige textkritische Ausgabe der Mischna liegt bis heute nicht vor. Alle Aussagen zu Textgestalt und -entwicklung haben daher vorläufigen Charakter. Unter dieser Voraussetzung lässt sich beobachten, dass sich die textliche Gestalt in zwei Hauptrezensionen teilt: Eine eretz-jisra'elische und eine babylonische Version. Der (Erst)Druck Neapel 1492 ist aus verschiedenen Handschriften zusammengestellt. Alle späteren Drucke beziehen sich auf ihn, sind aber durch die christliche Zensur immer weiter verstümmelt worden. Somit kommt den erhaltenen Handschriften besondere Bedeutung zu:

 

  • Als wichtigste Handschrift gilt der sog. Codex Kaufmann. Er stammt vermutlich aus Eretz-Jisra'el oder Italien und wurde im 10./11. Jahrhundert geschrieben. Von zweiter Hand ist z.T. eine Punktation nachgetragen.
  • Codex Parma bildete einst mit Handschrift Vatikan 31, einem Sifra-Codex, eine Einheit. Das Abfassungsjahr lässt sich aufgrund eines Kolophons auf 1073 bestimmen. Als Herkunftsland kann Eretz-Jisra'el oder Süditalien angenommen werden.
  • Codex Cambridge stammt vermutlich aus dem 14./15. Jahrhundert aus dem sephardischen Bereich.

Die drei genannten Handschriften gehören der eretz-jisra'elischen Rezension an.

 

  • Handschrift München ist die einzige vollständige Talmudhandschrift. Sie enthält einen Mischnatext, der der babylonischen Version nahesteht.
  • Weiterhin gibt es einige Mischnafragmente aus der Kairoer Geniza.

Wirkungsgeschichte

 

Talmud

 

Die Mischna bildete die Basis für eine weitere Diskussion unter rabbinischen Gelehrten, die allerdings in Eretz-Jisra'el und der babylonischen Diaspora eine unterschiedliche Entwicklung nahm. Dementsprechend stehen am Ende auch zwei unterschiedliche Gemarot (aramäisch: גמרא Lehre, Wissenschaft), Kommentarsammlungen, die jeweils gemeinsam mit der Mischna selbst – ggf. ergänzt durch weitere Kommentare wie etwa von Raschi – heute den Palästinischen bzw. den Babylonischen Talmud bilden.

 

Spätere Kommentare

 

Über die in den Talmud eingegangenen Mischna-Kommentare wurde die Mischna auch sonst umfangreich kommentiert:

 

  • Maimonides. Einer der ersten Mischnakommentare stammt aus dem Jahre 1168 und wurde von Maimonides verfasst. Da dieser sich vornehmlich an ein jüdisches Publikum im Herrschaftsbereich des Islams richtete, schrieb er seine Ausführungen in arabischer Sprache, benutzte jedoch hierzu das hebräische Alphabet. Bekannt geworden ist er nicht zuletzt durch seine vielzitierten „Einführungskapitel“, von denen das zum Traktat „Sanhedrin“ das berühmteste ist: Es enthält die dreizehn zentralen Glaubenssätze des Judentums.
  • Rabbi Samson de Sens (1150–1230).
  • Rabbi Obadiah ben Abraham aus Bertinoro (um 1450–1510). Sein Kommentar knüpft an Maimonides an, greift aber auch Material aus dem Talmud auf.
  • Rabbi Jomtow Lipman Heller (Prag, 1579–1654).
  • Rabbi Schlomo Luria (Maharshal, 1510–1574).
  • Rabbi Shenoth Eliyahu (Gaon von Wilna, 1720–1794).
  • Rabbi Akiba Eiger.
  • Rabbi Israel Lipschütz (1782–1860); Der Kommentar besteht aus den zwei Teilen Jachin und Boaz, die nach Säulen im Jerusalemer Tempel benannt sind. Wegen gelegentlicher Verweise auf moderne wissenschaftliche Erkenntnisse gilt der Kommentar als umstritten.
  • Rabbi Pinhas Kehati. Der auf Hebräisch geschriebene Kommentar fand Ende des 20. Jahrhunderts Verbreitung. Er arbeitet mit umfangreichen Einführungskapiteln und wendet sich gerade auch an weniger erfahrene Mischna-Exegeten.

 

Historische Mischna-Forschung

 

Mischna und Talmud enthalten nur selten historisch zuverlässige Angaben über die in ihnen genannten Personen. Zumindest aber lassen sich auf ihrer Grundlage biographische Abrisse der Mischna-Gelehrten selbst rekonstruieren.

 

Moderne Historiker richten ihr Augenmerk meist auf die Entstehungsgeschichte und –zeit der Mischna. Besondere Bedeutung kommt dabei der Frage zu, inwieweit die Redaktoren auf zeitgenössische, auf ältere oder jüngere Quellen zurückgegriffen haben. Von Interesse ist auch, inwieweit sich in den Mischna-Diskussionen Grenzziehungen theologischer wie regionaler Art vornehmen lassen und inwieweit die verschiedenen Abschnitte unterschiedlichen Schulen des antiken Judentums zuzurechnen sind. Für die genannten Fragen wurden verschiedene Lösungsansätze entwickelt:

 

  • Teilweise wurden die Aussagen in der Mischna als historisch akkurat und unbedingt zuverlässig betrachtet. Sie seien unter dem Einfluss göttlicher Inspiration niedergeschrieben worden. Jegliche Textkritik verbiete sich daher und sei per se häretisch. Diese Auffassung wird vor allem vom Orthodoxen Judentum vertreten.
  • Andere Gelehrte weisen darauf hin, dass die historischen Aussagen der Mischna zumeist kein Äquivalent in außerjüdischen Quellen finden. Über Ursprung und Autorschaft der Mischna-Vorschriften ließen sich daher keine verbindlichen Aussagen treffen. Vor diesem Hintergrund könnten auch die oben genannten Fragen nicht beantwortet werden. Vertreter dieser Ansicht sind etwa Louis Jacobs, Baruch M. Bokser, Shaye J.D. Cohen und Steven D. Fraade.
  • Vermittelnde Ansichten, die der Mischna immerhin teilweise historische Aussagekraft zubilligen möchten, werden u. a. von Goodblatt, Lee Levine, David C. Kraemer, Robert Goldenberg, Saul Lieberman, David Weiss Halivni, Avraham Goldberg und Dov Zlotnick vertreten.

Andere Bedeutung des Begriffs „Mischna“

 

Das Wort Mischna kann auch einen Textabschnitt bezeichnen, d.h. die kleinste strukturierte Einheit in der Mischna als Ganze. Die Pluralform ist in diesem Fall Mischnajjot. So bilden einige Mischnajjot einen Pereq (Kapitel), einige Peraqim (pl. von Pereq) bilden eine Masechet (Traktat), einige Massechtot (pl. von Masechet) bilden einen Seder (Ordnung), und schließlich bilden die Scha"s (Abkürzung für Schischa Sedarim - Die sechs Ordnungen) die Mischna (bzw. den Talmud, wenn es um die Gemara geht).

 

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